Ulfgar Thorunn (†)

Zwergen-Krieger

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Bio:

Ulfgar Torunn war ein einfacher Zwerg. Er arbeitete tief unter der Erde, und schürfte seltene und wertvolle Mineralien und Erze. Sein wichtigstes Werkzeug war die Spitzhacke. Tiefer und tiefer schlugen Ulfgar und sein Volk, die scheuen Tiefenzwerge, den Stein aus den Schwarzen Bergen. Sie verkauften ihre Erze an die Bergzwerge, und behielten nur wenig für sich selber. Dies war schon immer so gewesen, Tiefenzwerge mögen keine Veränderung. Im Austausch für ihre Erze bekamen die Tiefenzwerge von Kâz Kaldár, der südlichsten Tiefenzwergstadt, von den Bergzwergen Güter, die die Bergzwerge selber nicht herstellen konnten. Holz, Öle, Wolle, Glas, Met, und vor allen Dingen Nahrung. Zwar konnten sich die Tiefenzwerge von den riesigen, grauen Pilzen ernähren, die an den hölzernen Stützbalken wuchsen, doch für Ulfgar schmeckten diese Pilze immer wie, nun ja, Pilze die an hölzernen Stützbalken wuchsen. Seit seinem 15. Lebensjahr arbeitete er, wie alle Tiefenzwerge, in den Minenschächten. Sie beklagten sich nie über die schwere körperliche Arbeit, denn dafür waren sie mit ihren kompakten, muskulösen Körpern wie geschaffen. Durch ihre dichten Bärte atmeten sie auch nicht so viel Staub ein (selbst die Zwergenfrauen mussten auf diese Annehmlichkeit nicht verzichten).
Die Abwesenheit von frischer Luft oder gar Sonnenlicht hat Ulfgar Torunn nie gestört. Draußen soll die Welt gefährlich sein, sagten die Bergzwerge. Sie wissen es, sagten sie, denn sie haben täglich damit zu tun! Das ist auch der Grund dafür, dass die Tiefenzwerge immer mehr Erz abbauen müssen, aber trotzdem nicht mehr im Austausch dafür bekommen. Die Welt ist gefährlich, sagten die Bergzwerge. Wir schützen euch vor den Bedrohungen von oben, sagten sie, deswegen sind die Tore zwischen eurer tiefen Stadt und unserer hohen auch immer verschlossen. Es ist zu eurem Schutz, sagten sie.
Lügner.
Eines Abends, als sich Ulfgar nach einem harten Arbeitstag zu einem Krug Bier in der Taverne „Zum lüsternen Grottenschrat“ mit seinen Freunden traf, hörte er eine Geschichte, und er hätte sie niemals geglaubt, wenn sie nicht vom Vetter vierten Grades seiner Nichte erzählt wurde. Durin Falstar war der wohl ehrlichste Tiefenzwerg, der in Kâz Kaldar jemals gelebt hat. Er erzählte Ulfgar und seinen Freunden von dem Tunnel. Der Tunnel war steil, und keiner wusste, wer ihn grub. Doch als Durin Falstar sich im dichten Netz der Schächte verirrte und diesen einen steilen Tunnel entlangging, fand er sich nach einer kurzen Zeit an der Oberfläche wieder. Keiner der anwesenden Bergarbeiter hatte die Oberfläche je mit eigenen Augen gesehen. Das wollten sie auch gar nicht, schließlich ist es dort gefährlich!
Doch Durin Falstar schüttelte nur den Kopf. Die Oberfläche ist so gefährlich wie unsere Minen, sagte er. Und da Durin Falstar der wohl ehrlichste Zwerg in diesem Berg war, glaubte man ihm. In den folgenden Tagen versuchten die Tiefenzwerge, mit den Bergzwergen (die die obere Hälfte des Berges bewohnten) über die Oberfläche zu reden. Wer hat euch diese Lügen erzählt?, fragten die Bergzwerge sichtlich überrascht. Dies waren keine Lügen, antwortete man ihnen. Schließlich ist Durin Falstar der wohl ehrlichste Zwerg in diesem Berg. Die Welt dort draussen ist nicht gefährlicher als die Welt hier unten!, sagte man den Bergzwergen. Warum also behauptet ihr das Gegenteil und gebt uns für unsere Erze immer weniger Güter? Die Bergzwerge fanden keine Antwort, und zogen sich eilig zurück.

Am folgenden Tag, als die Händler eintrafen, um die Erze und Mineralien abzuholen, wurden sie bereits von einer großen Zahl an Tiefenzwergen erwartet. Warum belügt ihr uns?, schrie man aus der Menge. Warum raubt ihr uns aus?, wurde gar gerufen. Die Menge wurde unruhig, und die Händler zogen sich zurück in ihre Oberstadt, ohne Waren ausgetauscht zu haben.
Die Menge löste sich auf, fand sich jedoch – in doppelter Zahl! – am nächsten Tag zur Zeit des Warenaustausches in der Grauen Grotte wieder zusammen. Dieses Mal jedoch kamen auch mehr Bergzwerge, und sie führten keine Güter mit sich. Wo sind unsere Waren?, rief eine erboste Frau aus der Menge. Warum bringt ihr keine Ware?
Eine laute, grollende Stimme brachte die Menge zum Schweigen. Ein grimmig aussehender Bergzwerg trat hervor. Ihr glaubt uns nicht, Tiefenzwerge! Wir sagen euch, dass die Oberfläche ein grausamer Ort ist, an dem unsere Händler und Arbeiter jeden Tag ihr Leben riskieren, um euch zu versorgen, doch ihr glaubt uns nicht! Warum schlagt ihr unsere Großzügigkeit mit den Fäusten und tretet sie mit den Füßen?
Wir können nicht mehr Erz fördern!, schrie ein junger Tiefenzwerg aus der Menge. Unsere Arme vermögen nicht mehr zu fördern, und der Berg grollt jeden Tag, ja er beschwert sich über unsere Anmaßungen, euren Forderungen gerecht zu werden!
Nach dieser Ansprache brach ein Tumult aus. Stimmen ertönten, doch keine Worte waren vernehmbar, und die Bergzwerge zogen sich zurück.
Am Abend saß Ulfgar Torunn wieder mit seinen Freunden in der Taverne. Was, wenn wir keine Erze mehr fördern?, fragte Durin Falstar. Was, wenn wir keine Erze mehr fördern, bis sie uns geben, was wir verlangen?
Die Idee fand schnell Anklang bei den Bewohnern der Tiefe, und als am nächsten Tag die Händler durch die ehernen Tore schritten, staunten sie nicht schlecht bei dem Anblick hunderter Tiefenzwerge, die die Händler auf dem Platz in der Grauen Grotte erwarteten. Was macht ihr hier?, fragte der dicke Bergzwerg. Wo sind die Erze?
Wir haben keine Erze für euch!, rief Durin Falstar. Wir möchten für unsere Erze und Mineralien wieder mehr Güter im Austausch bekommen!
Das habe ich befürchtet, wisperte der dicke Bergzwerg fast unhörbar, und pochte mit seiner Faust gegen die eisernen Tore. Mit einem lauten Rumpeln öffneten sie sich, und unzählige gut gerüstete, axtschwingende Bergzwergkrieger marschierten im Gleichschritt auf den Platz. Sie nahmen in einer geraden Reihe Aufstellung an, und präsentierten den Tiefenzwergen ihre massiven Turmschilde.
Ihr werdet wieder arbeiten!, schrie der dicke Bergzwerg. Eine kurze Stille legte sich wie ein Tuch über die Menge. Schließlich schrie Durin: Nein!, und die Menge schloss sich ihm an. Ein Stakkato aus kehligen Nein!-Rufen schlug den Bergzwergen entgegen. Der Dicke seufzte. Nickte einem Bergzwerg in Rüstung zu. Drehte seinen Rücken der Menge zu und schritt durch die Tore, welche hinter ihm geschlossen wurde.
Wieder Stille.
Geschrei. Die bewaffneten Zwerge preschten voran und hieben mit ihren Äxten auf die Tiefenzwerge ein. Schmerzensschreie ertönten, Blut floss. Die Menge verstreute sich. Zurück blieben etwa zehn Dutzend Tiefenzwerge, abgeschlachtet von den Kriegern der Bergzwerge. Unbewaffnet, auch Frauen und sogar Kinder, starben umringt von abgetrennten Körperteilen.
Die Tiefenzwerge sannten auf Rache.
In den folgenden dreieinhalb Jahren schwelte der Krieg unter den Bergen unbemerkt von den Oberflächlern. Ulfgar Torunn kämpfte ab der ersten Stunde. Er verteidigte Seite an Seite mit seinen Brüdern und Schwestern die Graue Grotte immer und immer wieder, und auch in den unzähligen kleinen Nebenschächten wurde so manches Scharmützel geschlagen.
Nach einem Jahr waren die Tiefenzwerge es satt, sich von den grauen Pilzen zu ernähren, sie an den hölzernen Stützpfeilern wuchsen. Heute, so rief Ulfgar eines Abends in der Taverne, werden wir die Bergzwerge überfallen.
Mit einer kleinen Schar von zwei Dutzend seiner engsten Freunde und bewährtesten Kriegern schlüpfte Ulfgar durch einen Nebenschacht, und durch zwei weiter, und fand sich schließlich in dem größten und wichtigsten Tunnel der Bergzwerge. Wir werden diesen Tunnel nicht halten können, sagte der mittlerweile kampfgestählte Ulfgar zu seinen Männern. Wir werden die Versorgungslieferungen abwarten, und diese Überfallen. Danach werden wir uns wieder zurückziehen, und morgen werden wir wieder zuschlagen.
Für Wochen lebten die Tiefenzwerge in ungewohntem Reichtum. Fleisch, goldener Wein und Honig verspeisten sie, und kleideten sich zum Scherz in den pompösen bunten Gewändern ihrer Unterdrücker.
Doch diesen Unterdrückern blieb nicht verborgen, dass ihre Vorräte knapp wurden, und sie fassten einen Entschluss. Sie würden den Tiefenzwergen, von denen sie beraubt wurden, eine Falle stellen. So kam es, dass in den nächsten Kisten, die von Eseln den langen Gang heruntergezogen wurden, keineswegs Fleisch, goldener Wein oder Honig war, sondern mutige Krieger der Bergzwerge. Und auch die Führer der Esel hatten ihre Äxte und Kriegshämmer griffbereit.
Ulfgar überfiel mit seinen tapferen Kriegern diese Karawane. Die Kämpfer brachen brüllend aus den Kisten, und schwangen ihre Äxte. Keiner der Tiefenzwerge überlebte diese Falle – ausser Ulfgar. Ein Kriegshammer traf ihn am Kopf, er sank zu Boden.
Als er einige Tage später aufwachte, war die Welt um einiges komplizierter geworden. Die Bewohner von Kâz Kaldar benutzten auf einmal sehr komplizierte Wörter, und Ulfgars Kopf schien mit einer zähflüssigen, schmerzenden Masse gefüllt zu sein. Auch seine Zunge schien auf einmal aus Lehm zu bestehen, und Ulfgar lief in den folgenden Monaten oft gegen Türen, weil er einfach vergessen hatte, in welche diese sich öffnen ließen.
Dass der Krieg nach einem weiteren Jahr sein Ende fand, schien an Ulfgar vorbeizugehen. Er fristete sein Dasein in einem tauben Schwindel aus Verwirrung, und fand seinen Trost über seine toten Freunde immer häufiger am Boden eines Bierkruges.
Und so begab es sich eines Tages, dass Ulfgar ziellos durch die Minenschächte irrte. Er verlief sich in der Dunkelheit, wie er sich im vergangenen Jahr so oft verlaufen hatte, doch dieses Mal hörte ihn niemand, der ihn zurück in die Zwergenstadt führte. Also wanderte Ulfgar weiter, er genoss das Gefühl des rauen Steins unter seinen Füßen und an seinen Händen. Doch plötzlich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, der in seinen Augen begann .Wo kam das her?, mochte er sich fragen. Am Ende des Ganges schien die wohl hellste Grubenlaterne zu brennen, die jemals erschaffen wurde. Neugierig ging Ulfgar den Gang weiter, und als er schließlich um die Biegung am Ende lugte, musste er seine Augen zukneifen. Was ist das für ein Licht?, fragte er sich, und wonach riecht es hier?
Mutig schritt der Tiefenzwerg weiter, und schirmte mit seinen Händen seine Augen ab. Als er diese nach kurzer Zeit öffnen konnte, war er so überwältigt, dass er sich auf den harten Boden setzte.
Vor ihm breiteten sich die Schwarzen Berge aus, und die Mittagssonne schien genau in die kleine Öffnung des Tunnels. Die Luft war so kühl und frisch, dass Ulfgar am liebsten niemals wieder in den warmen, stickigen Berg zurückwollte.
Und so wagte er sich an den Abstieg, und erkundete neugierig die unbekannte Welt vor ihm. Er sah seltsame braune Säulen, die mit grünen, kleineren Säulen behangen war, und überall war dieses seltsam aussehende Moos am Boden. Nach unzähligen Tagen der Reise erreichte Ulfgar eine Ansammlung von seltsamen Gebilden, in denen riesige Zwerge lebten. Diese schauten ihn von oben herab verdutzt an, aber sprachen nicht mit ihm. Am Ende der Straße jedoch fand Ulfgar ein Schild von einem dieser Wohnkästen baumeln, das ihn sehr an das von der Taverne zuhause erinnerte. Er lief drei oder vier Male gegen die Tür, nur um zu erkennen, dass er an ihr hätte ziehen müssen um sie zu öffnen. In diesem Tavernenkasten schlug ihm ein vertrauter Geruch entgegen. Bier! Das mochte er!
Also rannte er zu den großen Fässern und wollte sich gerade eines davon anstechen, da kam ein großer, aber wenig bebärteter Zwerg zu ihm, dessen Bauch noch größer war als jeder Bauch, den er vorher gesehen hatte. He!, sagte der große Zwerg. Du musst bezahlen, wenn du etwas von dem Bier möchtest!
Ulfgar schaute ihn nur hilflos an. Bezahlen? Was meinte dieser große Zwerg damit? Und da er nicht verstand, nahm Ulfgar einen Hammer und schlug auf das Fass ein. Also jetzt reichts!, brüllte der große Zwerg, und trat Ulfgar ins Gesicht. Dieser Purzelte rückwärts und lag auf dem Rücken, doch er sprang sofort wieder auf und stürzte sich auf den großen Zwerg. Mit all seiner Kraft warf er ihn um und schlug ihn, weil er von ihm geschlagen wurde.
Stopp!, rief eine laute Stimme hinter ihm. Sofort aufhören!
Ulfgar verstand. Er richtete sich auf, und sah den alten Mann an, der ihm zurief. Wer bist du?, fragte Ulfgar.
Mein Name is Magnus Olaf, antwortete der alte Mann.

Ulfgar Thorunn (†)

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