Thorwalt von Dhulingen

Menschlicher Magier

Description:
Bio:

Neugier, so heißt es, sei des Menschen Fortschritt und Ende. Ohne Neugier und Forschergeist ist der
Mensch zu einem tumben, kargen Leben verdammt. Doch zu viel, und er findet einen jähen Tod.
Die Neugier des Thorwalt von Dhulingen jedoch verlängerte sein Leben für den Preis eines Teiles
seiner Seele.
Der Magier wurde vor über dreihundert Jahren in eine Welt voller Spannungen und drohenden
Konflikten geboren. SeinenEltern, einfache Fischer, die in einem namenlosen Dörfchen in der Nähe
von Dhulingen lebten, war der kleine Junge schon damals unheimlich. Wer mit Steinen werfen
konnte, ohne diese zu berühren, war in manchen Augen ein befremdlicher Sonderling, in Anderen
jedoch ein Naturtalent. Und so begab es sich, dass der kleine Thorwalt von seinen Eltern dem Heiler
in Dhulingen vorgeführt wurde. Dieser stellte jedoch keine grausame Krankheit fest, sondern ein
angeborenes Talent für die arkanen Künste. Und so wurde Thorwalt im zarten Alter von sieben
Jahren der Obhut von Lordans Magusorden überlassen. Schnell stellte sich heraus, dass Thorwalt den
gleichaltrigen Akolythen meilenweit voraus war, sowohl was die arkane Kraft, als auch die Finesse
der Umsetzung eben dieser betraf. Während sich seine Freunde noch damit abmühten, ihr Mana so
zu kanalisieren, dass es als Flamme aus ihrem Zeigefinger tritt, wurde Thorwalt nach nur einem Jahr
mit einem Pyrokinese-Verbot belegt, da er versehentlich den Cadeithischen Sittich des Erzmagus in
Brand setzte.
Nach nur drei Jahren der Ausbildung – völlig abgeschottet von der Außenwelt im Hohen Turm des
Ordens – wurde Thorwalt zum Adepten ernannt. Ein normaler Magus mit durchschnittlichem
arkanen Talent hatte zum Zeitpunkt der Initiation meist die Volljährigkeit erreicht, doch Thorwalts
Begabung verblüffte selbst die älteren Adepten. Sein Unterricht beschränkte sich nun nicht mehr auf
die Lehre über die Kontrolle des eigenen Manaflusses und die Instandhaltung desselben, er wurde
nun in den verschiedenen Schulen der Magie unterrichtet. Von der Erschaffung trügerischer
Illusionen hin zur Heilmagie, Thorwalt erlernte die Kenntnisse dieser Lehren schneller als jeder
andere. Als er die Volljährigkeit erreichte, wurden ihm auch die Insignien des Magus überreicht;
Thorwalt konnte nun den Blutopal und den gelben Magusmantel zu seinem Eigentum zählen.
Mit dem Grad des Magus stand es ihm nun frei, das Ordensgelände zu verlassen und in der Welt
einen Platz zu finden. Magi konnten beispielsweise Heiler werden, Armeen beitreten oder der
Belustigung wohlbetuchter Fürsten dienen. Thorwalt entschloss sich für ersteres, und trat die lange
Reise in sein namenloses Heimatdorf an, nicht ahnend, dass die östlichen Grenzgebiete vom Krieg an
der Mauer gebeutelt und die Bevölkerung versehrt, krank und dezimiert war.
Auf seiner Reise durch Lordans Herzland, die Weite, erreichten ihn doch immer häufiger die
grausigen Berichte von den Gräueltaten der Dunkelelfen-Invasoren. Diese hatten, so erzählte man
sich, östlich des alten Waldes eine Festung errichtet, einen Brückenkopf ins Königreich der Menschen
geschlagen, um eben dieses zu vernichten. Die Weite war voll mit Flüchtlingen westlich der Mauer,
und der junge Magus half, wo er nur konnte. Dennoch trieb es ihn weiter in den Osten, in das
Kriegsgebiet, das er einst seine Heimat nannte. Schlimme Vorahnungen beschlichen ihn, als er riesige
Rauchwolken über Dhulingen erspähte. Nur einige Tage zuvor, berichtete ein verwundeter Soldat,
wurde die Stadt durch eine kleine Truppe der Dunkelelfen geplündert.
Er solle Vorsicht auf seinen Reisen walten lassen, legte ihm der Soldat nahe, es seien noch immer
marodierende Banden von Dunkelelfen im Umland der Stadt unterwegs. Noch besorgter als zuvor
trat Thorwalt die kurze Reise in sein Heimatdorf an. Die grausamsten Szenarien spielten sich in
seinem Kopf ab, als er die salzige Brise vom Fleckenmeer roch, die eine süßlich-stechende Note
enthielt. Sie wurde immer präsenter, je näher er dem Dorf kam.
Es war schwierig, noch festzustellen, wie lange die vier Dutzend Bewohner des Dorfes schon tot
waren, so aufgedunsen und verwest waren ihre Leichen. Einigen fehlten Körperteile, andere lagen
zusammengekrümmt in ihren Betten. Eine elfische Kriegsbande musste das Dorf überfallen haben,
erschloss sich Thorwalt. Und als er die neunundvierzig Toten bestattete, malte er sich aus, wie jeder
einzelne von ihnen zu Tode gekommen sein musste. Vor seinem geistigen Auge sah er wirbelnde
Klingen, abgeschossene Pfeile und unbeschreibliche Grausamkeiten, die seiner Familie, seinen
Kindheitsfreunden widerfahren sein mussten.
Die Bilder ließen ihn nicht mehr los. Sie schienen ihn auf seinem Weg zurück zum Orden zu verfolgen.
Das Grenzland war gesäumt von Leichen.
Nicht einmal Thorwalt selbst konnte beantworten, wie er den Elan zum Studium der höchsten
arkanen Künste und diverser Sprachen aufbrachte. Möglicherweise lernte er, um zu vergessen. Die
alte Bibliothek im Keller des Hohen Turmes wurde zu seiner neuen Heimat. Er verschlang
bedeutende Werke mächtiger Erzmagi, las Abhandlungen über übernatürliche arkane Begabungen,
und schärfte seine Kenntnisse im Umgang mit den magischen Schulen. Die kompliziertesten Werke
und Zauber wurden zum Fingerspiel, und aus simpler Neugier heraus wagte sich der nun zum
Großmagus ernannte Thorwalt in die verbotenen Bereiche der Bibliothek.
Dort sammelten und verschlossen die eifrigen Magi sein Jahrhunderten gefährliche und unheilige
Werke und Beschwörungsformeln, eine komplizierter als die andere. Dunkle Arkana,
Dämonenbeschwörung und sogar die Nekromantie fand sich in den schweren, staubigen Büchern
und Schriftrollen wieder, die Thorwalt eingehend studierte. Doch die pure Theorie befriedigte ihn
nach einigen Wochen nicht mehr. Das Verbotene reizte ihn sehr im Gegensatz zu den vergleichsweise
simplen magischen Schulen, die der Orden erlaubte. Und wie sollen Grenzen akzeptiert werden,
wenn unklar ist, was hinter ihnen liegt…
Und so machte sich Thorwalt auf die Suche für die Sakramente einer Dämonenbeschwörung.
Dunkelmyrrhe, Gichtweizen und ein Tieropfer sollen, neben dem präzisen Einsatz von Mana -
katalysiert durch einen schwarzen Herzstein – ein Portal zur Welt der Dämonen aufstoßen, um diese
ihrer Kräfte zu berauben. Seit langem war der junge Großmagus nicht mehr so aufgeregt vor der
Anwendung einer magischen Formel. In seiner Kammer bereitete er das Ritual vor. Er entzündete die
Dunkelmyrrhe, gab dem Opferlamm vom Gichtweizen zu fressen und tötete dieses dann durch einen
Schnitt in der Kehle. Die nun folgende Formel sollte durch den Einsatz des Herzsteines in seinen
Händen ein Portal im Boden öffnen. Doch der Herzstein war schlecht geschliffen, und das Mana aus
Thorwalts Händen wurde nicht wie geplant auf den Boden gelenkt, sondern schoss in einem fast
unsichtbaren Strahl direkt auf Thorwalts Kopf zu. Die Welt um ihn herum wurde heiß und dunkel.
Als er wieder erwachte, spürte er Schmerz und eine bleierne Erschöpfung in den Knochen. Über ihm
blickte eine Person in weißem Kapuzenmantel direkt in Thorwalts Augen. Ihr scheint geläutert, klang
eine gebrechliche Stimme. Wisst Ihr, wer ihr seid?
Thorwalt dachte angestrengt nach. Es kam ihm vor, als würde er aus einem unendlich langen Schlaf
gerissen worden sein. Er durchforstete seine Erinnerungen, doch fand er nichts als Leere vor. Er
strich über sein Kinn, dass zu seinem Erschrecken wie der Großteil seines eigentlich glatten Gesichtes
voller Barthaare war. Nein, antwortete er schließlich dem alten Mann über ihm.
Dieser seufzte. Das habe ich befürchtet, sagte dieser traurig. Ihr seid Thorwalt, ein ehemaliger
Großmagus meines Ordens.
Etwas regte sich in Thorwalts Kopf. Er sah alte Männer in Roben, er sah Bücher, Zeichen. Er erinnerte
sich, wie er einem Lamm die Kehle durchschnitt, an das warme Blut, das auf den Boden und über
seine Hände tropfte.
Ihr wart für über zweihundert Jahre von einem Dämon besessen.
Schrecken erfüllte Thorwalts Blick. Zweihundert Jahre, dachte er, wie konnte das möglich sein?
Der Dämon hat seine menschliche Hülle durch infernalische Magie in einem grandiosen Zustand
gehalten, bemerkte der alte Mann. Deine Freunde dürften mittlerweile nicht mehr als Staub sein. Es
tut mir leid.
Schweiß brach auf Thorwalts Stirn aus. Wie konnte die Beschwörung fehlschlagen? Was ist danach
geschehen? Habe ich Schaden angerichtet? Diese und tausend andere Gedanken schossen nahezu
zeitgleich durch seinen Kopf.
Doch ich möchte nicht unhöflich sein, sagte der alte Mann. Mein Name ist Durnair. Ich bin der
Erzmagus des Ordens, und das seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert.
Thorwalt wollte den Erzmagus seinerseits begrüßen und die für Magi übliche Begrüßungsgeste
verwenden, doch er merkte, dass seine Arme gefesselt waren. Erst als er sich panisch umblickte,
bemerkte Thorwalt, dass neben Durain noch etwa zwanzig weitere Menschen in dem Zimmer
standen und ihn anstarrten. Gut ein Dutzen von ihnen trugen Waffen.
Euer Körper ist noch immer befleckt von dem Dämon, der euch so lange besaß. Ihr werdet…
Veränderungen bemerken, die Euch Angst einjagen werden.
Fraglos blickte Thorwalt ihn an.
Des Weiteren, so Durain, werdet Ihr Eures Amtes enthoben, und des Ordens verwiesen. Ihr habt
Künste angewendet, die vom Orden aufs Äußerste verfolgt und geahnt werden. Nur Eure hohe
Position hält Euren Kopf noch auf den Schultern.
Die Worte des Erzmagus trafen Thorwalt wie ein Schwerthieb. Doch andererseits: Was band ihn noch
an diesen Orden? Die Menschen, die wie eine Familie für ihn waren, lagen seit Jahrhunderten
begraben unter der Erde. Und so brach der des Amtes enthobene Großmagus in die Welt auf,
wissend, dass ihn im Orden nichts mehr hielt, und er dort nicht mehr willkommen ist.
In den folgenden Jahren verdingte sich der ehemalige Magus als Tagelöhner und Heiler, was jedoch
dank seines durch die Austreibung entkräfteten Körpers nur in Maßen möglich war. Tag für Tag
versuchte er, sich an Einzelheiten seiner Besessenheit zu erinnern. Wofür hatte der Dämon seinen
Körper missbraucht? Wie viele Menschen hatte er auf dem Gewissen? Der Orden verweigerte ihm
jegliche Information über seine Taten. Bei jeder Frage erntete er einen wütenden Blick, und der
Gefragte wandte sich allzu oft voller Hass von ihm ab.
Offensichtlich hatte der Dämon Spuren in ihm hinterlassen. Bis zum heutigen Tage vergingen über
zehn Jahre, und trotzdem stellte Thorwalt keine Zeichen seines weit fortgeschrittenen Alters an sich
fest. Außerdem fühlte er sich in großen Menschenansammlungen zunehmend unwohl – anscheinend
eine weitere Narbe der Besessenheit.
Als er sich eines Tages wieder an seine unglaublichen Fähigkeiten im Bereich der arkanen Künste
erinnerte, und die Begabung, die ihm als Kind und Heranwachsender noch innewohnte, beschloss
Thorwalt, seine Kräfte als eine Art Wiedergutmachung dem Guten zu widmen. Und so schloss sich
Thorwalt, der nichts mehr zu verlieren hatte, der Kriegergilde an, die seit jeher die Menschen von
Lordan vor allen Übeln zu beschützen suchte…

Thorwalt von Dhulingen

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