Luigi Fratelli

Halblings-Schurke

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Bio:

Ein Rinnsal roten Blutes. Mehr zeugte nicht vom Tod des ehrwürdigen Halblings. Ohne das Rinnsal roten Blutes, welches dem alten Halbmann aus dem Mundwinkel rann, unterschied ihn nichts von einem Greis, der auf seinem abgewetzten Ledersessel eingenickt war. Auf seinem von einer gehäkelten Decke zugedeckten Schoß ein für seine Größe riesiges, in Leder gebundenes Buch, neben ihm ein hölzernes Brett, auf dem Reste des weichen Ziegenkäses lagen, für die Hüglingens Hirten berühmt waren. In einem Kristallglas schimmerte verdünnter Kirschhonigmet, den der alte Mann gerne vor dem Einschlafen trank. Im Kirschhonigmet, vor den entzündeten Augen des Greises verborgen, lauerte der Tod.
Jenseitstränen töten schnell und effizient. Eine winzige Menge genügt, um einen Halbling auf seine Reise zu den Göttern zu schicken. Eine Reise, die nun auch der alte Halbling antrat.
Die Hälfte der in ganz Lordan lebenden Halblingsgesellschaft wohnte der Beisetzung des alten Halblings bei. Selbst die Dons der Beeren- und Wurzelclans machten sich auf die Reise, um dem Verstorbenen ihren letzten Respekt zu zollen. Auf dem Hügel des verschiedenen Greises wurden Blumen abgelegt, Halblingsfrauen vergossen Tränen, es wurde festlich geschmaust und des Toten gedacht. Doch hinter verschlossenen Türen wurden die Dolche gewetzt.
Auf der Zeremonie erinnerte man sich an das Leben des verschiedenen Valvin Fiarmacetto. Er war der Sohn eines niederen Mitgliedes des Pilzclans, der vor vielen Jahren, vor der Herrschaft des Valvins, von Streit, Zwistigkeiten und Uneinigkeit zerrüttet war. Doch Valvin zeigte seinem Clan gegenüber Tatkraft, Gehorsam und die nötige Gerissenheit. Schnell arbeitete sich Valvin in der unübersichtlichen Hierarchie nach oben. Doch der Streit zwischen den drei mächtigsten Dons des Pilzclans hinderte den Fortschritt der Familie, machte sie behäbig und schwach.
Und so begab es sich, dass Valvin die drei Dons zu einem Treffen, der Aussöhnung gedacht, in ein Gasthaus lud. Die Dons speisten in guter Halblingsmanier, und schienen, sich einer Lösung anzunähern. Man sprach über eine Dreiteilung der Geschäfte, der Gebiete, der Waren. Kurzum: man erwog eine Spaltung des Pilzclans.
Nachdem der Dessertwein gereicht wurde, ein leichter Kirschmet, waren die drei Halblingsdons tot, und Valvin hatte die höchste Position des Clans inne.
In den folgenden Wochen tobte ein intensiver, aber kurzer familieninterner Krieg, welcher viele Leben forderte, doch Valvins Position nur festigte.
Valvin schaffte sich Respekt bei seiner Familie. Valvin legte außerdem den Grundstein für das, was unter den Menschen als Halblingskodex bekannt war. Er bestand aus drei einfachen Regeln:
Erstens: Bleibe deinem Don treu bis in den Tod. Blut glänzt stärker als Gold.
Zweitens: Bleibe deinen Clanbrüdern und –schwestern treu. Blut ist stärker als Stein.
Drittens: Löse deine Konflikte mithilfe des Clans. Blut schneidet schärfer als Stahl.
Und wer ihn Valvin und seinen Kodex nicht respektierte, der wachte bald nicht mehr auf. Der Clan würde nur funktionieren, wenn ein jeder Halbling den Kodex befolgt.
Aus einer Herrschaft der Angst wurde bald eine Herrschaft des Respekts. Valvins Geschäftspläne erwiesen sich als erfolgreich, Valvins Gespür für das Wesen seines Gegenübers als unfehlbar und seine Position sowie den Kodex als unantastbar. Und Valvin wurde milder – wer gegen den Kodex verstieß, wurde oft nur noch aus dem Clan verbannt. Diesen Kodex übernahmen nach einigen Jahren auch die anderen Clans, was einen weiteren Schritt in Richtung einer stabilen Halblingsgesellschaft bedeutete. Die Verbannten waren trotz aller Milde als vogelfrei erklärt – der goldene Ohrring, der unter den Halblingen als Erkennungszeichen ihrer Clans galten, wurden mit Gewalt herausgerissen, und die Verstoßenen so gekennzeichnet.
Die Schlitzohren fanden sich jedoch zusammen und etablierten in einigen Städten eine lose Struktur, welche nicht von Blutbänden und strengen Kodizes geprägt waren – die Diebesgilden. Sie gewährten ihren Mitgliedern meist eine sichere Unterkunft und waren getragen vom Zusammenhalt der verbannten Diebe, und deswegen ein Dorn in den Augen rechtschaffener und weniger rechtschaffener Organisationen und Institutionen.
Nach einigen Dekaden errichtete Valvin mit den zwei anderen Halblingsclans, dem Wurzelclan in den Blauen Marschen und dem Beerenclan der Weite, mehr oder weniger stabile Beziehungen. Eine Ära des nahezu konstanten Friedens brach in der Gesellschaft der Halblinge herein.
Eine Ära, dessen Fundament aus den Leichen vieler Gegenspieler des Valvin Fiarmacetto bestand.
Valvin war nie zimperlich mit seinen Gegenspielern, und sein Einfallsreichtum in Sachen Tod ließen viele Auftragsmörder vor Neid erblassen. Von Vergiftungen über geschickte Messerarbeit bis hin zum Umgang mit verschiedenen mehr oder minder subtilen Fernwaffen; Valvin selbst war in seiner Jugend ein Meister der Schatten. Mit steigendem Alter gab er sein Wissen an seine Schüler weiter, welche dann seine blutigen Aufträge verrichten sollten.
Eines Abends fasste Valvin in seinem ledernen Sessel den Beschluss, dass ein Exempel unter den Capos statuiert werden müsse. Über seine Offiziere wurden Gerüchte der Iloyalität laut. Manche liebäugelten mit den Dons anderer Clans – sie versprächen ein besseres Leben, mehr Gold und Luxus, so erzählte man sich. Sie seien im Begriff, den Kodex zu brechen.
Und so sprach Valvin mit zwei seiner Schüler. Sie sollten an der Familie des Capos Osvias Fratelli ein Exempel verrichten.
Man fand Osvias und seine Frau Dialie Fratelli grausam verstümmelt vor deren Wohnhöhle, entstellt von einer Verletzung, die fortan als Orkgrinsen bezeichnet wurde.
Ein kräftiger Ork hatte den beiden Halblingen den Kiefer ausgerenkt – offensichtlich verlor er dabei einen Teil eines Fingers, der in Osvias Mund gefunden wurde – und ihnen das Genick gebrochen. Es schien, als lächelten die beiden über das gesamte Gesicht.
Osvias und Dialie starben jung, und hinterließen einen Sohn. Noch ein Kleinkind, als er zur Waise wurde. Man sah jedoch von einer Verbannung und dem sicheren Tod des Kindes ab – ein so junges Wesen war nicht verantwortlich für die Taten seiner Eltern. Er wurde von den verschiedenen Capo-Familien aufgezogen und, als er sich langsam dem Erwachsenenalter näherte, auch in den diebischen Künsten ausgebildet. Er erwies sich als fingerfertig, talentiert mit den Wurfdolchen und als überzeugender Lügner – auch wenn seine Geschichten oft etwas zu bunt ausfielen. Man erzählte dem Heranwachsenden, den man auf den Namen Luigi Fratelli (aus Respekt vor der Familienzweig der Fratellis wurde beschlossen, dass der Name weiterhin fortbestehen dürfte) taufe, seine Eltern wären bei einem Angriff von Banditen umgekommen.
Luigi war dem Clan von größtem Nutzen. Sein Verhandlungsgeschick, wenn er seine Arroganz und seine blühenden Fantasie etwas zügeln konnte, verhalf dem Pilzclan zu gewinnbringenden Kontakten in die verschiedensten Städte und Siedlungen; von Küstenstädt im Westen über Südbucht in Süden, bishin zu Südhall im Norden von Hüglingen. Einzig der Don des Beerenclans, der Silberhall und Greifenstätt kontrollierte, sträubte sich gegen die lukrativen Angebote des gewitzten Halblings.
Auf der letzten Reise, die Luigi Fratelli nach Silberhall unternahm – er versuchte, die Loyalität eines Menschenbarons zu dem Beerenclan-Don zu untergraben – begegnete er jedoch einer Bande Orks, welche die kleinen Siedlungen südlich des Stadtgebietes von Silberhall drangsalierten. Sie hatten gerade einen Gasthof in Beschlag genommen, in welchem der Halbling Rast und eine Mahlzeit ersuchte.
Das Auftreten des Halblinges Luigi versetzte die betrunkenen Orks in Plauderlaune. Aufmerksam, wohl wissend um der orkischen Sitten der betrunkenen Geschichtenerzählerei (wer nicht aufmerksam lauschte, lief in Gefahr, in den folgenden Monaten und Jahren aufgrund fehlender Zähne nur noch Brei und Suppe speisen zu können), lauschte Luigi den Geschichten der Orks. Sie sprachen von ihren Jahren als Söldner, welche viel weniger Ertrag einbringe, als das Schikanieren von Bauern und Händlern. Sie sprachen von den vielen Schlachten, die sie bereits schlugen, und den vielen Kameraden, die sie verloren, und die in der nächsten Schlacht schon gegen sie kämpfen könnten – abhängig davon, welcher Kriegsherr die besseren Chancen und die prallere Kriegskasse hatte. Und sie erzählten von dem Auftrag aus Hüglingen. Ein Unbekannter hatte eine pralle Geldbörse geboten, um zwei Halblinge kaltherzig und ziemlich blutig ins Jenseits zu befördern. Den Mund sollte man ihnen aufreissen, lallte einer der Orks. Ihm habe jedoch niemand gesagt, dass diese Halblinge so bissig seien, sprach der Ork, und hielt lachend seine Hand in die Höhe. Seine Kumpanen lachten und prusteten, als der Ork mit seinem Fingerstummel wackelte und sagte, dieser Finger sei sein persönlicher Halbling.
Valvin hatte seine Eltern ermordet. Die Erkenntnis überkam Luigi wie ein Regen aus heißer Kohle. Wuterfüllt fand ein Messer seinen Weg in das Gesicht des Orks. Seine Kumpanen wichen erschrocken zurück, als sie in die verzweifelten, hasserfüllten Augen des Halbmannes blickten, der, von einem lauten Knacken begleitet, die Klinge wieder aus dem Schädel des Orkes befreite. Dann johlten sie, lachten und feierten den Mörder – das war wohl keine gute Geschichte, feixten sie und klopften dem leblosen Ork, dessen Lebenssaft sich langsam auf dem Tisch ausbreitete, auf die Schulter.
Luigis Zorn kühlte jedoch schnell ab. Ein zu rasches Vorgehen würde ihn so enden lassen, wie seine Eltern, dachte sich der Halbling während der Kutschfahrt nach Hüglingen. Nein, dieses Vorhaben erforderte Subtilität.
Und so fanden die Clansbrüder Luigis Bett am Abend von Valvins Tod kalt und verlassen vor…

Luigi Fratelli

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